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Der besondere Blick - Paulina Güllü macht als gehörlose Person ein FSJ Kultur in Hamburg

von Claas Greite

Paulina Güllü sieht mehr als ihre Kolleg*innen. Viel mehr. So fällt es ihr auf, wenn in einem weit entfernten Haus auf der anderen Straßenseite eine Person ihr Bettzeug am Fenster ausschüttelt – „mich irritiert es, wenn ich das aus dem Augenwinkel sehe“, sagt sie. Sie registriert, wenn irgendwo im Büro eine Fliege auf einem Schreibtisch landet. Und wird einige Etagen weiter oben gearbeitet, bemerkt sie das an den – für andere Menschen fast unsichtbaren – Bewegungen des Wassers in einem Glas.

Paulina Güllü, 21 Jahre alt, ist von Geburt an gehörlos. Ihre visuelle Wahrnehmung ist dafür besonders ausgeprägt. Kulturelle Projekte, in denen sie mitarbeitet, können davon profitieren. Derzeit absolviert die junge Berlinerin ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur (FSJ Kultur) im Altonaer Stadtteil- und Kulturzentrum MOTTE. Unter anderem betreut sie gemeinsam mit einer Praktikantin die „Bunten Eulen“, einer inklusiven Gruppe, an der hörende, gehörlose und schwerhörige Mädchen teilnehmen. Für sie organisiert sie Angebote wie Airbrush- oder Graffitiworkshops. Zu Paulina Güllüs Aufgaben gehört es auch, neue Theaterstücke des inklusiven Theaterjugendclubs am Ernst Deutsch Theater zu dokumentieren, mit Fotos und kleinen Filmen, die sie selbst am Computer schneidet.

„Die Arbeit hier ist einfach super. Die passt zu mir“, sagt Paulina Güllü, die sich in Deutscher Gebärdensprache (DGS) verständigt. Für das Treffen mit dem Reporter übersetzt eine Gebärdensprachdolmetscherin Paulina Güllüs Gebärden in gesprochene Worte – an anderen Tagen übernimmt das Susanne Tod. Die Theaterpädagogin unterstützt Paulina Güllü in ihrer täglichen Arbeit in dem Kulturzentrum und hilft bei der Verständigung mit Mitarbeiter*innen, die keine Gebärdensprache können. Wenn Susanne Tod nicht da ist, nimmt Paulina Güllü ein Stück Papier zu Hilfe, manchen Kolleg*innen hat sie auch schon ein bisschen Gebärdensprache beigebracht.

„Es ist das Ziel der MOTTE, die Angebote stärker für Gehörlose zu öffnen. Da hilft die Zusammenarbeit mit Paulina natürlich enorm“, sagt Susanne Tod. Mitarbeiter*innen des Kulturzentrums würden sich bereits „für die Sprache öffnen“ und beginnen, sie zu lernen, sagt Paulina Güllü. Susanne Tod ergänzt: „Für Hörende ist die visuelle Kompetenz von einigen Gehörlosen Menschen oft ungewohnt. Aber sie ist extrem spannend, zum Beispiel auch in der Theaterarbeit. Man bekommt eine Wahrnehmungswelt geschenkt.“ Die Zusammenarbeit mit Paulina Güllü macht Susanne Tod, die Theaterpädagogin ist und unter anderem mit der Elbschule zusammenarbeitet, sichtlich Spaß: „Ihr Blick ist einfach unglaublich bereichernd und inspirierend.“

Laut Susanne Tod ist Paulina Güllü die erste Gehörlose überhaupt, die in Hamburg ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur macht. Sie arbeitet 35 Stunden in der Woche und erhält dafür ein Taschengeld. Zum FSJ Kultur gehören auch 25 Seminartage sowie zwei freie Bildungstage. Jeweils fünf Tage machen Paulina und andere Freiwilligen* dann Workshops zu Themen wie Film, Foto, Pantomime oder Performance.

„Ich wollte nach dem Fachabitur etwas Praktisches machen“, erzählt Paulina Güllü. Wichtig war ihr, dass es eine Arbeit im Bereich Kultur ist – sie liest sehr gerne und interessiert sich auch für Theater. Ihre besondere Leidenschaft gilt der Fotografie und Filmen, sie liebt zum Beispiel sehr die Bilder des britischen Fotografen Jimmy Nelson und Filme des US-Regisseurs Tim Burton. „Ich habe dann ein bisschen im Internet recherchiert und Informationen über das FSJ Kultur gefunden. Da dachte ich, das ist richtig für mich.“ Zunächst sei sie in Berlin auf der Suche gewesen, wo auch ihre Eltern leben, aber letztlich fiel die Wahl auf Hamburg und das Kulturzentrum MOTTE. Den Kontakt zu dem vermittelte Rebekka Leibbrand, die bei der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur arbeitet und Pädagogische Leiterin für das FSJ Kultur in Hamburg ist.

Paulina Güllü hat sich an der Elbe gut eingelebt, Kontakte zu anderen Freiwilligen* geknüpft. Einige regionale Redenwendungen und Ausdrücke hat sie auch schon gelernt. Die Gebärdensprache ist nämlich nicht international, wie viele Hörende denken. „Es gibt alle Sprachen und eben auch regionale Dialekte, wie Berliner Schnauze und Hamburger Slang!“, erklärt Paulina Güllü. So hat sie festgestellt, dass es in der Hamburger Gebärdensprache etwas andere Monatsnamen gibt als in Berlin. Sie reist auch gerne in andere Länder und hat festgestellt, dass es für Gehörlose leichter ist als für Hörende, im Ausland eine Sprachbarriere zu überwinden. „Es gibt eine bildliche Ebene, auf der man sich treffen und nach einer Weile kommunizieren kann“, erklärt sie. Schwieriger werde es allerdings im asiatischen Raum, „weil da das Bildverständnis ein anderes ist“.

Noch bis Ende August wird Paulina Güllü in dem Altonaer Kulturzentrum arbeiten. Danach möchte sie Medienwissenschaft studieren, wahrscheinlich in Potsdam. Bei der Auswahl hat auch das FSJ Kultur geholfen: „Je länger ich hier tätig bin, desto mehr merke ich, was ich später machen will“, sagt sie. Sie freut sich auf das Studium, bei dem sie auch ein Gebärdensprachdolmetscher unterstützen wird. Für die Zukunft hat sie einen Wunsch: „Ich würde mir wünschen, dass sich noch viel mehr Bereiche der Gesellschaft für Gehörlose öffnen. Es wird viel geredet über Barrierefreiheit, aber in der Praxis bleibt davon oft nichts übrig. Es wäre toll, wenn sich da noch mehr tut. Das wäre für alle ein großes Geschenk!“

Der Artikel erschien ürsprünglich im Magazin KJU der LAG Kinder und Jugendkultur Hamburg e. V., dem Landesträger für das FSJ Kultur in Hamburg:
https://www.kinderundjugendkultur.info/files/180605_kju_18_2_web.pdf