Drei Menschen lächeln verkleidet in die Kamera.
Diversität

Ein Traum von Autonomie - Eine Freiwillige lädt andere Freiwillige in ihre Einsatzstelle ein

von Sebastian Knorr

Tamara Keitel sagt, dass sie noch „Farben und Umrisse“ erkennen kann. Einen Einblick in ihre Arbeit gab die 40-Jährige acht jungen Erwachsenen, die zurzeit in Hamburg ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) Kultur absolvieren. Konzipiert, organisiert und geleitet hat den Workshop Höbke Loof, Freiwillige in der barner 16, einem Zentrum für inklusive Kulturarbeit in Ottensen.

Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das Sehen das Hören und Produzieren von Musik verändert. Nebenbei ging es an diesem Tag aber noch um vieles mehr. Startpunkt der Reise war die Kulturfabrik Kampnagel. Hier hat die Theatergruppe "Meine Damen und Herren", die auch zur barner 16 gehört, offene Generalprobe. Tamara Keitel soll sich eine Audiodeskription anhören und bewerten, die Gruppe darf dabei sein. Durch eine solche Audiodeskription, also die gesprochene Beschreibung all dessen, was der Zuschauer sieht, sollen die visuellen Aspekte des Theaters für Blinde hörbar werden.

Lis Marie Diehl, die auch bei der barner16 arbeitet, übernimmt das heute live. Vor der Probe haben sich Diehl und Keitel getroffen, haben Kulissen und Requisiten ertastet. Jetzt sitzen sie eng nebeneinander und tun etwas, das man sonst im Theater nicht darf: Sie flüstern – und das unentwegt. Nach der Aufführung gibt es Feedback von Keitel.

Ein ganz schmaler Grat sei das, auszuloten wieviel der Zuschauer an Zwischenkommentar wünsche, sagt Keitel. „Die einen wollen alles wissen, andere stört das Gequatsche nur“, sagt sie. „Wer von Geburt an blind ist, den interessiert nicht, welche Farben die Vorhänge haben.“ Sie selbst wolle allerdings möglichst viel von der Atmosphäre mitbekommen. Eine besondere Schwierigkeit bilden abstrakte Gegenstände oder Choreografien, die sich schwer beschreiben ließen, ohne zu viel von einer eigenen Interpretation einfließen zu lassen. In Theatern gebe es eher selten eine Audiodeskription wie hier, sagt Keitel.

Leichter habe sie es da vor dem heimischen Fernseher. Zum Beispiel beim Eurovision Song Contest. Bei der Übertragung wurden in einer zweiten Tonspur Effekte und Choreografien sowie die Mimik der Künstler kommentiert. Tamara Keitel steht auch selbst auf der Bühne. Sie ist Musikerin und singt in mehreren Projekten in der barner 16. Dort soll im zweiten Teil des Workshops der Leitfrage vom Zusammenhang vom Sehen und Hören nachgegangen werden. Auf dem Weg zwischen den Hamburger Stadtteilen Barmbek und Ottensen gibt es einen Einblick in die Orientierung von blinden Menschen in der Stadt.

Eine junge Frau sitzt auf einem Trolli und lässt sich von einem älteren Menschen schieben.

Tamara Keitel erklärt das Leitliniensystem für Blinde auf dem Boden und warum sie manchmal das Gefühl hat, dass bei der Planung nicht an Sehbehinderte gedacht wurde.

„Ich war gerade in Hannover und hab mir im Reisezentrum die Nase platt gedrückt“, erzählt Keitel. Es war nach 18 Uhr, die Fahrscheinausgabe hatte bereits geschlossen, den Automaten allerdings kann Keitel nicht bedienen. Also bleibt ihr nur, sich von Passanten helfen zu lassen. „Mein Traum ist, dass ich mich autonom bewegen kann“, sagt Keitel.

„Viele denken nicht daran, dass eine Sehbehinderung keinen Feierabend hat“, sagt Freiwillige Höbke Loof. Loof ist 19, hat gerade Abitur gemacht und betreut jetzt musikalische Projekte in der barner 16. Zum FSJ Kultur, das sie hier gerade absolviert, gehört auch, ein eigenes Projekt zu realisieren. Im Dezember hat sie mit den Mitarbeitern*innen der Kultureinrichtung und einer weiteren Freiwilligen bereits einen visuellen Adventskalender produziert. Jetzt habe sie Lust gehabt, einen Workshop anzubieten. „Hier haben wir die Möglichkeit“, sagt Loof. Nach dem Jahr will sie in Berlin Soziale Arbeit studieren. In Ottensen führen Keitel und Loof in die Barnerstraße 16. Dort geht es zu einer gemeinsamen Jamsession in den Proberaum. Einmal mit Licht, einmal ohne. „Man merkt, dass ein Dirigent fehlt“, sagt eine Teilnehmerin nach dem Musizieren im Dunkeln, „dafür fühlt man die Musik ganz anders.“ Sie werde intensiver, sagt ein anderer.

„Wenn man nichts sieht, achtet man ganz anders auf die Geräusche“, sagt Tamara Keitel, „das übt.“ Sie hoffe, dass die Gesellschaft irgendwann keinen Unterschied mehr mache. „Dass es selbstverständlich ist, dass der eine das gut kann und der andere das nicht“, so Keitel, „und dann ist das auch gut.“

 

Der Text erschien ungekürzt im Magazin der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg KJU Sommer 2017.