MagazinEngagement

Für Teilhabe und Mitsprache einsetzen

von Leonie Rickmann

Wer hat Zugang zu einem Freiwilligendienst in Kultur? Wie können unbürokratisch und machtkritisch Barrieren abgebaut werden, die Menschen daran hindern, sich freiwillig zu engagieren? Viola Hilbing setzt sich noch Jahre nach ihrem eigenen FSJ Kultur für Freiwillige ein.

Viola hat im Jahrgang 2006/2007 ihr FSJ Kultur im Bürgermedienzentrum Bennohaus in Münster gemacht. Der Bericht einer Studentin über das Fach der Kulturwissenschaften während einer Berufsvorbereitungsveranstaltung in der Schule brachte sie auf die Idee. Ein Freiwilligenjahr im sozialen oder ökologischen Bereich war ihr bekannt, doch als sie erfuhr, dass dies in der Kultur möglich sei, war ihr Interesse geweckt. Das Bennohaus in Münster wurde die Einsatzstelle, die sie daraufhin ein Jahr lang intensiv unterstützte. „Ich hatte eigentlich gar keine richtige Vorstellung, was mich im FSJ Kultur erwartet, sondern bin da einfach so reingestolpert. Ich hatte Lust auf den Kulturbereich und eigentlich war die Idee erst einmal, nach der Schule durch ein anschließendes Studium nicht gleich ins nächste Bildungssystem zu stürzen“, erinnert sich Viola.

Im Bennohaus unterstützte sie aktiv ein internationales Medienprojekt, das European Youth4Media Network, und war an der Organisation von Begegnungen zwischen Jugendlichen verschiedener Länder beteiligt. Dies beinhaltete – für ein FSJ durchaus außergewöhnlich − Reisen in die Türkei, nach Frankreich oder die Ukraine: „Da war ich vor allem in der Organisation des Austauschs zwischen den internationalen Akteur*innen beteiligt. Rückblickend war das von Anfang an eine riesige Verantwortung.“ Besonders gern erinnert sich Viola an die vielen Begegnungen mit den Jugendlichen und die tiefen Einblicke, die sie in die Tätigkeiten der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit bekommen hat. Heute wie damals sind es aber auch gemischte Gefühle, die sie während des FSJ hatte: „Das war natürlich eine richtige Spielwiese, mit vielen tollen Menschen, mit denen ich viel eigenverantwortlich ausprobieren konnte. Aber eigentlich absurd, jemandem, die mit 18 Jahren von der Schule kommt, das Stellen von europäischen Anträgen zu überlassen. Es war das ganze Jahr ein Balanceakt zwischen Überforderung und unglaublicher Bereicherung. Und ich habe viel gelernt.“

Einmal Kultur, immer Kultur

Die Erfahrungen und persönlichen Begegnungen, die Viola während ihres Freiwilligendienstes gemacht hat, waren der Auslöser für alles was dann kam und die ihr den Weg zu ihrem Studium und späteren beruflichen Stationen in der Kulturbranche und letztendlich in ihre selbstständige Tätigkeit als Kulturgestalterin geebnet haben.

Viele Verbindungen sind bis heute lebendig geblieben, u. a. durch Jobs bei der LKJ Baden-Württemberg oder Aufträge der BKJ: „Das ist ja auch einfach eine tolle Community, engagierte Menschen, denen ich immer wieder gern begegne und zu denen es eine Verbindung gibt; wir haben alle den gemeinsamen Nenner des FSJ Kultur“, sagt Viola.

Ganz aktuell ist Viola aktiv in der Gründung des Freiwilligenvereins Zugabe e. V. und koordiniert federführend das Projekt „Fundus“: Eine Online-Plattform, die Menschen auch unabhängig von ihrer finanziellen Situation dabei unterstützen soll, einen Freiwilligendienst machen zu können. Den „Fundus“ haben ehemalige Freiwillige* zum 20-jährigen Jubiläum der Freiwilligendienste Kultur und Bildung ins Leben gerufen. Hier werden Angebote von Ehemaligen gesammelt, die dann z. B. von Organisationen gebucht werden können. Mit dem Erlös können Freiwillige unbürokratisch durch den Verein unterstützt werden.

Kulturelle Teilhabe für Alle

Mit dem Fundus und im Freiwilligen-Verein ist es Viola v. a. ein Anliegen, sich gemeinsam den Fragen zu widmen, wer eigentlich Zugang zu einem Freiwilligendienst im Bereich Kultur und Bildung hat und daran mitzuwirken Hürden abzubauen, die Menschen daran hindern, sich freiwillig zu engagieren und mitzugestalten. Eine dieser Hürden kann z. B. finanzieller Natur sein. Mit dem „Fundus“ soll dem entgegengewirkt werden: unbürokratisch und machtkritisch.
Den „Fundus“ mit Freiwilligen innerhalb des Vereins „Zugabe“ umzusetzen, hat ihrer Meinung nach Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen:

„Das Netzwerk beleben, die Community stärken und vergrößern und daraus eine Kraft entwickeln, die einen kleinen Teil beiträgt, dass die Freiwilligendienste Kultur und Bildung inklusiver werden. Ich konnte mir das damals auch nur mit dem Support meiner Eltern leisten und wäre das FSJ Kultur nicht gewesen, wäre mein Werdegang heute ganz sicher ein anderer. Deshalb mache ich ja auch beim ‚Fundus‘ mit, um zu gucken, wie Mitgestaltung gerechter werden kann, aus dem Potenzial der Community, die die Chance dazu - wie ich – ja auch hatten“, sagt Viola.

Violas persönliche Motivation, sich in beiden Projekten zu engagieren, ist, den Kulturbereich diverser und inklusiver zu gestalten. Das bereichert − auch sie selbst und ist dringend notwendig: „Ich sehe, dass im Kulturbereich viele Menschen mit Potenzial sind und solche, die super aktivistisch sind, denen politische Themen wichtig sind und die sich z. B. für Teilhabe und Mitsprache einsetzen, dadurch lerne ich ja auch immer weiter. Das ist ein wichtiger Punkt, das ist kein Unterstützungsprojekt, sondern Gestaltung von Austausch und dafür muss sich strukturell etwas ändern.“

Der Verein „Zugabe“, den Viola im Februar 2022 gemeinsam mit 35 anderen gegründet hat, setzt die langjährige Idee, ein Netzwerk ehemaliger Freiwilliger der Freiwilligendienste Kultur und Bildung zu gründen, in die Realität um und geht darüber hinaus. Gemeinsam wollen sie sich zukünftig dafür einsetzen, alle Menschen, die einen Freiwilligendienst im Bereich Kultur und Bildung machen möchten, finanziell und persönlich zu unterstützen, den Austausch untereinander zu sichern und das Engagement in Kultur und Bildung zu fördern.