Diversität

Ich spreche, also handel ich - Ein Interview mit Francis Seeck über Sprache

von BKJ

Die Texte dieser Website nutzen das Gender-Sternchen*, denn sie wollen Menschen sichtbar machen, die sich als nicht-binär oder trans* verstehen. Das bedeutet sich nicht männlich oder weiblich einordnen zu können oder zu wollen. Es sollen sich alle Menschen, wenn sie über Freiwilligendienste lesen, angesprochen fühlen.

Es sollen keine Menschen davon ausgeschlossen werden sich zu engagieren. Und da wir so viel über geschriebene Sprache unsere Angebote und unser Wissen kommunizieren, war es wichtig hier zu beginnen.

Dazu ein Gespräch mit Francis Seeck:

Warum findest du es wichtig, dass im Rahmen einer inklusiveren und sensibleren Gesellschaft über Sprache nachgedacht und diskutiert wird?

Sprache ist kein neutrales Kommunikationsmittel, sondern immer eine konkrete Handlung, über die dann auch Wirklichkeit geschaffen wird und Gesellschaft auch verändert werden kann. Was ich auch wichtig finde ist, dass Sprache gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelt und eine Möglichkeit ist antidiskriminierend zu handeln. Das geht zum Beispiel, indem man Personen in der Sprache sichtbar macht, die ansonsten in der Gesellschaft unsichtbar sind und stark von Diskriminierung betroffen sind.

Es ist also möglich schon mit Sprache aktivistisch zu sein?

Über Sprache können neue Realitäten und Utopien geschaffen werden.

Wenn es um Diskriminierungen geht, geht es ja auch immer um Machtverhältnisse. Wird die Diskriminierung auch immer in Sprache der Mächtigen sichtbar?

Ja, Sprache kann gewaltvoll sein, ausschließen und verletzen. Wie die Autor*innen von „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ zum Beispiel gezeigt haben, finden sich in der deutsche Sprache viele Begriffe, die einen rassistischen Hintergrund haben. Und wenn ausschließlich von Frauen und Männern gesprochen wird kommen Menschen, die sich zum Beispiel als nicht-binär verstehen nicht vor. Machtverhältnisse wie Rassismus, Klassismus oder Sexismus wirken aber nicht nur auf der sprachlichen Ebene, sondern zum Beispiel auch auf materieller Ebene und der Verteilung von Ressourcen und Möglichkeiten. Aber eine Möglichkeit wie Machtverhältnisse wirken und auch demonstriert werden können, ist eben über die Sprache. Wir sehen auch wie soziale Bewegungen oder Gruppen von diskriminierten Personen immer auch auf sprachlicher Ebene versuchen neue Formen zu finden und gegen diskriminierende Formen zu intervenieren.

Dann ist Sprache also eigentlich gut geeignet, um zu analysieren, ob und wo Diskriminierungen verankert sind und sie kann genutzt werden, damit bestimmte Gruppen sichtbar werden. Oder wie würdest du das sagen?

Sprache zeigt und reflektiert, wer in einer Gesellschaft anerkannt wird und wer nicht. Und gleichzeitig ist Sprache veränderbar und flexibel und deswegen auch eine Möglichkeit antidiskriminierend zu handeln. Eine Möglichkeit, die leicht erlernbar ist.

Das klingt alles sehr abstrakt. Wie ist es, wenn ich mich nie diskriminiert gefühlt habe, mich auch sichtbar in Sprache und Gesellschaft fühle. Was ist ein guter Einstieg das Thema?

Alle Menschen sind von Heternormativität und Geschlechternormen betroffen. So wird allen Menschen bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen. An alle Menschen werden Erwartungen gerichtet, z. B. in Bezug auf die Kleiderwahl, Emotionen, Mimik, Gestik, Beziehungen... Wer darf Kleider tragen und Lippenstift? Wer kümmert sich um die Kinder? Welche Familien werden anerkannt? Wer muss die eigene Geschlechtsidentität beweisen?

Aber natürlich sind cis-Menschen, also Menschen die in dem Geschlecht leben, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, weniger von Diskriminierung betroffen. Aber ich denke viele Menschen waren schonmal von Geschlechterstereotypen betroffen, z. B. „ein Junge weint nicht“, „du wirfst ja wie ein Mädchen“.

Es ist auch eine Frage von Solidarität. Will ich das alle Menschen, die gleichen Möglichkeiten haben wie ich? Will ich solidarisch sein mit Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind?

Eine Person ist privilegiert und hat sich noch nie mit ihren Privilegien beschäftigt. Da entstehen doch große Vorbehalte und Ängste, wenn diese Person mit diesen konfrontiert wird. Wie kann ich solchen Vorbehalten entgegen zu treten?

Ich finde es wichtig klar zu machen: es ist nicht möglich nicht zu handeln.

Wenn ich spreche, dann handle ich auch. Es kann auch Spaß machen sich mit Sprache zu beschäftigen und neue Formen auszuprobieren und die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen. Aber zuerst benötigt es natürlich überhaupt eine Motivation sich damit zu beschäftigen.

Meinst du, dass die Motivation immer individuell sein muss?

Nein, natürlich ist es auch gut, wenn Menschen in Vereinen und Institutionen sich entscheiden, das zum Beispiel gendersensible Sprache für sie ein wichtiges Thema ist. Fortbildung für alle Mitarbeiter*innen zu organisieren, wie bei euch, finde ich auch wichtig, damit alle in Kontakt kommen mit dem Thema.

Es ist ja auch immer viel Sprachspiel dabei, wie du schon meintest. Wichtig finde aber auch zu wissen, dass ich meine Privilegien durch die Beschäftigung mit ihnen nicht verliere.

Genau, es geht eigentlich darum mehr Möglichkeiten zu eröffnen, damit sich möglichst viele Menschen angesprochen und sichtbar fühlen. Aber am Ende entscheiden immer alle für sich wie sie sprechen und handeln möchten.

Alle Menschen haben das Recht zu sagen, wie sie angesprochen werden möchten.
Wir sprechen über positive Aspekte von diskriminierungssensibler Sprache. Du beschäftigst dich ja schon lange damit, sowohl wissenschaftlich wie auch privat. Wo hast du schöne Beispiele erlebt, wo der sensible Umgang mit Sprache neue Räume geschafften oder Barrieren abgebaut hat?

Ich mache ja auch Lehre an der Universität und ich beginne meinen Unterricht immer mit sogenannten Pronomen-Runden. Alle Menschen im Raum können mitteilen , wie sie angesprochen werden möchten: Mit welchem Namen und mit welchem Pronomen. Hier gibt es zum Beispiel folgende Möglichkeiten: er, sie, er_sie, kein Pronomen, x und noch viele andere. Diese Runden machen wir immer wieder. Dies macht einen Raum auf, in dem verschiedene Geschlechteridentitäten überhaupt erstmal sichtbar werden und auch ausprobiert werden können. Da habe ich schon oft die Rückmeldung bekommen, dass das ein schöner Raum war, den sie auch sonst in der Universität nicht so oft haben und viele Reflexionsprozesse angestoßen wurden und manche Menschen haben den Mut gefunden neue Namen und Pronomen auszuprobieren.

Hast du noch mehr Beispiele wo Sprachhandeln Barrieren abbaut und Räume schafft?

Ich möchte auf die Broschüre “Mein Name ist___, mein Pronomen ist ____” hinweisen. Die Autor*innen dieser Broschüre mochten Leute unterstützen, die ihren Namen und_oder ihr Pronomen geändert haben oder darüber nachdenken, das zu tun, zum Beispiel genderqueere und_oder Trans*-Leute. Sie geben zudem eine kurze, verständliche Einführung mit verschiedenen Perspektiven zu Fragen rund um das Thema “Trans*_genderqueer“.

Es gibt verschiedene Intitiaven, die sich für die Umbennung von Straßennamen einsetzen, z.B. weil diese eine rassistische Bedeutung haben. Die Initiative zur Umbenennung der M-Straße wäre ein Beispiel hierfür (http://www.berlin-postkolonial.de/).

Und es ist auch ein solches Handeln, in Verbänden wie bei der BKJ, dass das Sternchen* oder Gender_gap genutzt wird, um mehr als zwei Geschlechteridentitäten sichtbar zu machen. Sichtbarmachen bedeutet ein Öffnen von Räumen. Denn wenn Menschen, die sich als nicht-binär oder trans* verstehen, über die Freiwilligendienste lesen und sehen, dass das Sternchen* genutzt wird, dann macht das was mit ihnen, z.B. das sie einen Raum haben, dass es dort Menschen gibt, die sie ansprechen können, wenn es Probleme geben sollte.

Das ist ja auch genau unsere Motivation als Verband gewesen uns mit dem Thema Sprache zu beschäftigen, weil wir keine Menschen ausschließen wollten. Und da wir so viel über geschriebene Sprache unsere Angebote und unser Wissen kommunizieren, war es wichtig hier zu beginnen.

Francis Seeck

Ich bin Autor*in und arbeite als Antidiskriminierungstrainer*in. Ich schreibe meine Doktorarbeit zum Thema „Kollektive Selbstsorge und Community Care Praktiken in trans* und nicht-binärem Aktivismus“ und bin in diesem Bereich auch selber politisch aktiv. Ich beschäftigte mich viel mit den Themen geschlechtliche Vielfalt, Klassismus, Trauer,und Antidiskriminierung. Ich habe in diesem Kontext für die BKJ und für die Kolleg*innen im Trägerverbund Freiwilligendienste Kultur und Bildung Workshops angeboten, zu Themen wie „Sprache und Macht“ und „Klassismus“ und freue mich sehr über den neuen Sprachleitfaden der BKJ. In meinem Buch „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ habe ich mich mit Ausgrenzungen im Kontext von Bestattungen und Trauer beschäftigt.