Zwei junge Frauen sitzen draußen im Grünen. Eine Frau hält der anderen ein Mikro hin.
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Lebendige Kunstdenkmäler auf dem Land

von Waldemar Kesler

Anna-Ida hat ihren Freiwilligendienst beim Kulturbüro des Münsterland e. V. absolviert. In dieser Zeit entstand ihr Kulturpodcast „Mission Weißer Flamingo“, in dem sie einzigartige Kulturorte im ländlichen Raum porträtiert.

Wer würde vermuten, dass Flamingos in Nordrhein-Westfalen ein natürliches Zuhause haben? Das Zwillbrocker Venn ist ein Moor-, Feuchtwiesen- und Gewässergebiet an der Grenze zu den Niederlanden. Es ist weltweit der nördlichst gelegene Brutplatz für Flamingos, die sonst in Südeuropa, Afrika und im Süden Asiens beheimatet sind. Sie dienten für den Podcast „Mission Weißer Flamingo“ als Namensgeber, weil sie ein Phänomen fernab des Erwartbaren sind. Genauso müssen viele Kulturorte im ländlichen Münsterland erst entdeckt werden.

Für jede Folge besucht Anna-Ida einen dieser Orte, in der ersten Folge war es das „DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst“ in Hörstel, in der zweiten das Schloss Senden. Die beiden Stätten haben gemein, dass sie historische Denkmäler sind, an denen zeitgenössische Künstler*innen Raum für ihre Arbeit finden: „Die Ortsbedingungen dienen ihnen als Arbeitsmaterial für ihre Kunst. Sie soll mit den Besuchern interagieren, sodass aus dem Zusammenspiel zwischen Künstlern und Besuchern der historische Ort zu neuem Leben erweckt wird“, erklärt Anna-Ida.

Ihr Podcast ist im Rahmen des Programms „land.schafft – Förderung für kulturelle Freiwilligenprojekte im ländlichen Raum“ der Freiwilligendienste Kultur und Bildung entstanden. „Mit der Förderung konnte ich die technische Ausrüstung anschaffen, also das Aufnahmegerät und ein Großmembran-Mikrofon.“ Eigentlich wollte sie schon im März mit den Aufnahmen für den Podcast anfangen. Im April sollte die erste Folge erscheinen. Durch Corona war dieser Plan allerdings nicht realisierbar. Anna-Ida nutzte die Zeit, um als „Lockdown-Alternative“ ein neues Konzept zu erstellen. Diese Alternative war aber bald wieder durch neue Regulierungen überholt und Anna-Ida konnte zu ihrem ursprünglichen Konzept zurückkehren.

Örtliche Zusammenhänge wahrnehmen
Als sie die Kultureinrichtungen besucht hat, fiel der Freiwilligen auf, dass ihre abgelegene Lage das Kulturerlebnis bereichert, statt zu erschweren: „Auf dem Land herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in der Stadt, wo alles schnell gehen muss und die Kulturorte eine gute Verkehrsanbindung haben. Wer Kultur auf dem Land sucht, muss einen längeren Weg zurücklegen und diese Reise gehört zum Kulturerlebnis dazu. Es fängt schon damit an, dass man schauen muss, wie man den Ort überhaupt erreicht. Und das führt dann letztlich dazu, dass man sich nicht nur mit dem Ort auseinandersetzt, sondern auch mit seiner Umgebung. Das Auge nimmt die Kulturstätte als Teil eines größeren Zusammenhangs wahr. In der Stadt steht die Kulturstätte meistens für sich.“ Der ländliche Raum sorgt somit für einen topografischen Rahmen: Die Kunst ist eingebettet in den Ort und der Ort wiederum ist eingebettet in die Landschaft.

Besucher*innen als aktiver Part
Im Gespräch mit Berit Gerd Andersen, der Leiterin und Kuratorin von „DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst“, erfährt Anna-Ida, dass das „DA“ insofern ein besonderes Ausstellungshaus ist, als die Künstler*innen nicht nur ihre Kunst vor Ort produzieren, sondern auch die Besucher*innen aktiv beteiligen. Die Abkürzung „DA“ steht für „Denkmal“ und „Atelier“, für das Wechselspiel zwischen historischem Bewusstsein und aktueller Kunst. Seit 2005 können sich Künstler*innen für das „Projektstipendium KunstKommunikation“ bewerben. Sie müssen dafür Ideen für Kunstprojekte einreichen, bei denen die Künstler*innen direkt mit den Menschen kommunizieren, die im Ort leben und arbeiten. Ähnlich ausgerichtet ist das Kunstprogramm im Schloss Senden. Beim Projekt „PRESERVED // Altland – Neuland“ im historischen Schlossgarten hat sich das Künstlerduo Scheibe & Güntzel ein Jahr lang mit der Frage beschäftigt, wie sich die westfälische Kulturlandschaft und ihre Gärten im Laufe der Zeit verändert haben und durch die Auswirkungen des Klimawandels verändern werden. Das Duo hat historisches Saatgut zusammen mit aktuell beliebten Saaten und besonders hitzebeständigen Saaten ausgesät, die zukünftige Dürreperioden besser überstehen können. Die Besucher*innen können im Schlossgarten beobachten, wie sich der Saatenmix aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bei dieser Gartenkunstaktion entfaltet.

Gemeinsames Kunsterleben und Geschichtsbewusstsein
An der Arbeit an ihrem Podcast hat es Anna-Ida besonders gefallen, sich mit Menschen auszutauschen, die das kulturelle und künstlerische Potenzial der Orte erkannt und genutzt haben. Als sie Schloss Senden besuchte, hat sie gleich seinen individuellen Charakter bemerkt: „Das kleine Schloss wird gerade restauriert, d. h. dass das Denkmal noch unfertig und im Aufbau ist. Es liegt in einer kleinen Idylle und ist auf seine eigene Art malerisch. Es ist aber nicht das perfekte Märchenschloss, man sieht, dass es viel miterlebt hat. Das Gebäude und die Fassade sind nicht makellos wie bei den Schlössern, die jeder schon mal besucht hat. Das bewirkt, dass man herausfinden möchte, warum es so aussieht, wie es aussieht.“

Mit den Porträts der Kunststätten wollte sie schließlich einen eigenen Beitrag dazu leisten, dass das Kloster Gravenhorst und das Schloss Senden als lebendige Erlebnisorte bekannt werden. Der Podcast soll den Hörer*innen Lust darauf machen, mitanzusehen, wie diese Begegnung zwischen Denkmal und Kunstaktion verläuft. Einen ersten Erfolg konnte die Freiwillige bereits nach den ersten beiden Folgen von „Mission Weißer Flamingo“ verzeichnen: Sie erhielt Anfragen von Kultureinrichtungen, ob sie sie nicht auch in dem Format porträtieren könnte.

Den eigenen Blick über den Tellerrand weitergeben
Für den Freiwilligendienst hatte Anna-Ida sich entschieden, weil sie nach der Schule etwas Praktisches tun wollte. Sie hatte sich schon vorher für die Kulturszene interessiert und darüber nachgedacht, Schauspiel zu studieren. Erst informierte sie sich, welche Einsatzstellen es an Theatern im Umkreis ihres Wohnortes gibt. Im Zuge dessen stieß sie auf das Kulturbüro des Münsterland e. V. und entschied sich dafür, dort tätig sein zu wollen: „Im Münsterland ist mehr los als man denkt. Ich habe dort nicht nur das Oberzentrum, die Stadt Münster, kennengelernt, sondern auch die vier umliegenden Kreise. Ich konnte in ganz andere Bereiche reinschnuppern als wenn ich meinen Freiwilligendienst an einem lokalen Theater gemacht hätte. Durch das Kulturbüro und die Kulturratssitzungen habe ich mitbekommen, wie viele unterschiedliche Kulturorte das Münsterland zu bieten hat, weil ich ganz viel in der Region herumgekommen bin.“

Nach dem Ende ihres Freiwilligendienstes soll der Podcast fortgeführt werden, zunächst von Anna-Ida selbst, wahrscheinlich mit einer Folge im Monat bis zum Ende des Jahres. Sie wird den kulturellen Einrichtungen auf dem Land verbunden bleiben, die sie bei ihrem FSJ kennengelernt hat, weil sie ihre Perspektive erweitert haben: „Wenn wir im Urlaub sind, haben wir ein ganz anderes, weiteres Blickfeld und wollen ‚alles‘ sehen. Zuhause meint man, ‚alles‘ zu kennen, und übersieht gerne mal die außergewöhnlichen Orte. Dabei lohnt sich ein zweiter Blick auf die eigene Umgebung und ihre Kulturorte doppelt und dreifach.“