Die dritte Option: diverses Geschlecht

Freiwilligendienste sollen die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung von Menschen unterstützen und dazu gehört auch die freie Wahl von Geschlecht-Identitäten, die aus der eigenen Lebensrealität heraus entstehen. Deshalb gibt es seit zwei Jahren in den Freiwilligendiensten Kultur und Bildung die Möglichkeit einer nicht binären geschlechtlichen Zuordnung der Interessent*innen und Freiwilligen*.

Die Abfrage der geschlechtlichen Identität ist relevant für das Ausstellen von Verträgen, Freiwilligenausweisen, Zertifikaten, für verschiedene Verwaltungsprozesse und die statistische Erhebung. Für die von den Trägern in den Freiwilligendiensten Kultur und Bildung verantworteten Prozesse konnte schnell eine Anpassung vorgenommen werden. Die nicht binäre geschlechtliche Zuordnungsmöglichkeit führte allerdings beim Zuwendungsgeber, dem BMFSFJ, zu bürokratischen Schwierigkeiten.
Umso erfreuter war das Bundestutorat der Freiwilligendienste Kultur und Bildung, als das Bundesverfassungsgericht vor einem Jahr urteilte, dass die Reduzierung auf zwei Geschlechter diskriminierend sei und es mehr Wahlmöglichkeiten geben müsse.

Vor einem Jahr gab das Bundesverfassungsgericht dem Antrag auf Klage der intersexuellen Person Vanja und der Initiative „Dritte Option“ (www.dritte-option.de) statt, und verurteilte die Bundesregierung dazu, dass Personenstandsgesetz bis Ende 2018 um eine dritte Kategorie zu erweitern. Die Richter*innen in Karlsruhe entschieden, dass die bisherige, seit 2013 gültige Regelung nach der sich Menschen in Deutschland nur als männlich oder weiblich registrieren oder den Eintrag frei lassen konnten, diskriminierend ist.

Die Bundesregierung hat auf Vorschlag des zuständigen Innenministeriums beschlossen, dass die dritte Option „diverses Geschlecht“ lauten soll. Der Gesetzesentwurf ist nun dem Bundestag zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt worden. Dem aktuellen Gesetzesentwurf zufolge können über 14-jährige Personen ihren Eintrag ändern lassen, allerdings brauchen sie dafür ein ärztliches Attest, das sie selber bezahlen müssen: „Durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung ist nachzuweisen, dass eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt.“

Die „Dritte Option“ und Vanja sehen in der Vorlage einen Teilerfolg: „Der jetzige Entwurf sieht vor, dass für einen Antrag auf die sogenannte dritte Option ein ärztliches Attest vorgelegt werden muss. Diese Voraussetzung ist eine sachlich nicht zu begründende Belastung für die Betroffenen. Denn der Eintrag selber richtet sich nach der geschlechtlichen Identität – die nicht durch ärztliche Untersuchungen festgestellt werden kann.“

Mit einem medizinischen Gutachten werden Menschen nicht inkludiert, sondern als von der „Norm“ abweichend markiert und damit wird die dritte Option selbst wieder zu einer möglichen Diskriminierungskategorie. Geschlechtliche Vielfalt versteht die Anerkennung von einer Vielzahl von Geschlechtern als Norm und nicht als Hürde.

Der aktuell vorgelegte Gesetzesentwurf zur dritten Option folgt dem Urteil des Verfassungsgerichts, doch vertut der Gesetzgeber die Chance, Menschen in ihrer Auseinandersetzung zur biologischen und sozialen Konstruktion von Geschlecht zu unterstützen. Die Freiwilligendienste Kultur und Bildung machen sich stark für das geschlechtliche Selbstbestimmungsrecht und es wird weiterhin Interessent*innen und Freiwilligen* selbst überlassen sein, sich einer geschlechtlichen Kategorie zuzuordnen.

Stellungnahme der Initiative „Dritte Option“:
http://dritte-option.de/wp-content/uploads/2018/07/Stellungnahme-Referentenentwurf.pdf

Leseempfehlung: Das Deutsche Jugendinstitut hat drei Studien durchgeführt, die sich mit queerer Identität befassen:
https://www.dji.de/themen/queere-jugend/individualitaet-und-normvorstellungen.html

Eine Kolumne von Margarete Stokowski als weitere Lektüre empfohlen:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/dritte-geschlechtsoption-der-staat-als-spanner-a-1232264.html

Ein junger Mann mit Basecap und grünschwarz kariertem Hemd schaut lächelnd aus einem Fenster.